Pressestimmen

»Bio« ist längst mehr als Müsli, Tofu und Grünkern-Bratling

dpa. Müsli, Tofu, Grünkern-Bratling – lange Zeit fiel Bio-Kost für viele Bundesbürger eher unter die Rubrik »exotische Küche». Fremd war nicht nur der Geschmack, sondern auch die Konsistenz, die ungeübten Essern oft harte Kau-Arbeit abverlangte. Doch seit einigen Jahren wandelt sich das Bild: »Bio« bedeutet nicht mehr automatisch »Vollkorn« und ist längst über die Grenzen der Öko-Szene hinausgewachsen. Vor allem in Großstädten finden sich inzwischen Kombinationen, die früher undenkbar waren – darunter Öko-Eisdielen und Bio-Currywurst-Buden.
»In Bio gibt es inzwischen fast alles«, sagt Peter Röhrig vom Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft in Berlin. »Sie finden da Sekt genauso wie Fertigpizza.« Das immer größere Angebot hat offenbar seine Abnehmer: Im Jahr 2005 seien die Erlöse aus dem Absatz von ökologisch erzeugten Nahrungsmitteln auf fast vier Milliarden Euro angestiegen, sagt Röhrig unter Berufung auf Schätzungen der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) in Bonn. Das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr.
»Heute wollen die Leute die Vielfalt«, sagt Patrizia Weinzierl von der BioBackhaus GmbH aus Berlin. Die Kunden kauften undogmatisch: Mal griffen sie zum Körnerbrot, mal zum weißen Brötchen. Daneben hat die 1978 gegründete Kette eine ganze Reihe von Torten im Sortiment. Zitronencreme-Rolle, Zuckerschnecke, Marzipantorte oder Schwarzwälder Kirschtorte unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht von konventionellen Produkten – nur der Preis ist mit knapp zwei Euro pro Stück etwas höher.
Der Unterschied zu einer »normalen« Bäckerei liege vor allem in den Zutaten, die aus ökologischem Anbau stammen, also beispielsweise nicht mit Pestiziden gespritzt werden. Zudem würden für die Backwaren und Torten weder Konservierungs- noch Farbstoffe verwendet. Daneben wird im BioBackhaus viel mit der Hand gearbeitet. »Gewisse Maschinen ersparen wir uns«, sagt Weinzierl. So gibt es keine Teigstraßen, in denen Brote und Brötchen automatisch am Fließband produziert werden...

Bei allem, was als »bio« angeboten wird, müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen. So dürfen nur Erzeuger und Hersteller, die die Bestimmungen der EG-Öko-Verordnung einhalten und sich den vorgeschriebenen Kontrollen unterziehen, ihre Produkte als Bio- oder Ökoware verkaufen und mit dem sechseckigen, grün-weißen »Bio-Siegel« kennzeichnen. Gegenwärtig bieten fast 1500 Unternehmen mehr als 30 000 Produkte mit dem Siegel an, heißt es bei der Geschäftsstelle Bundesprogramm Ökologischer Landbau in Bonn.
Darüber hinaus haben Verbände wie Demeter, Bioland oder Naturland eigene, zum Teil weitergehende Gütezeichen. Theoretisch sind nahezu alle Lebensmittel auch in einer Bio-Ausgabe denkbar. Letztlich entscheidet darüber laut Peter Röhrig aber »das freie Spiel des Marktes« – sprich: ob's dem Verbraucher schmeckt.

THOMAS KÄRST, 3. FEBRUAR 2006